Im Interview: Mobilitätswende aus Sicht des Verkehrsexperten

Erstellt am 28.4.2026
Lesedauer: 5 Minuten

Wie sieht die Mobilitätswende aus? Mobilitätsforscher Prof. Dr. Andreas Knie erklärt, warum das Auto künftig an Bedeutung verliert, welche Rolle Robotaxis spielen und wie die Verkehrswende gelingen kann.

Mobilität ist ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens. Sie bestimmt, wie wir arbeiten, einkaufen, Familie besuchen oder verreisen. Zugleich ist das Thema hochpolitisch: Rund ein Fünftel der deutschen Treibhausgasemissionen entsteht im Verkehrssektor – entsprechend groß ist seine Bedeutung für Umwelt- und Klimaschutz. Um die Klimaziele zu erreichen, muss sich Mobilität in Deutschland grundlegend verändern. Wie dieser Wandel konkret aussehen soll, wird jedoch kontrovers diskutiert.

Der Mobilitätsforscher Andreas Knie gehört zu den profiliertesten Stimmen dieser Debatte. Der Soziologe und Politikwissenschaftler leitet eine Forschungsgruppe am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und ist Professor an der Technischen Universität Berlin. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Zukunftsfragen von Verkehr, Infrastruktur und Energie. Knie gilt als klarer Verfechter eines systemischen Ansatzes: Statt nur Antriebe auszutauschen, plädiert er für ein neues Mobilitätsmodell mit weniger privaten Autos, stärker vernetzten Verkehrsmitteln und einer engen Verzahnung von Energie- und Verkehrswende. Im Interview erklärt er, warum er diese Entwicklung für unausweichlich hält – und wie eine Zukunft mit weniger Autos aussehen könnte.

Herr Prof. Dr. Knie, wie werden wir uns in 10 bzw. 20 Jahren fortbewegen?

Prof. Dr. Andreas Knie: Im Grunde ähnlich wie heute: zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit Bus und Bahn – und auch mit Autos. Der entscheidende Unterschied wird sein, dass viele Fahrzeuge künftig autonom unterwegs sind, also ohne menschliche Fahrer:innen. Schon bald werden sogenannte Robotaxis, also selbstfahrende, per App buchbare Taxis, den bestehenden Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ergänzen. Indem sie Fahrgäste bündeln und zu Haltestellen bringen, lässt sich das Problem der „ersten und letzten Meile“ lösen. Der Weg zwischen Wohnung und Haltestelle war bislang vor allem im ländlichen Raum eine Herausforderung. Insgesamt wird es in Zukunft weniger Autos geben, weil ein eigenes Fahrzeug insbesondere in Städten zunehmend überflüssig wird. Andere Verkehrsmittel erhalten mehr Raum und werden besser miteinander vernetzt. Kurz gesagt: Wir werden vielfältiger mobil sein, aber mit deutlich weniger Fahrzeugen.

Welche Rolle wird Elektromobilität spielen – und wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen der Technologie?

Prof. Dr. Andreas Knie: Elektromobilität wird stark wachsen. Wie schnell dieser Wandel erfolgt, hängt maßgeblich von politischen Rahmenbedingungen ab. Perspektivisch werden nahezu alle neuen Fahrzeuge – ob Robotaxis oder privat genutzte Autos – elektrifiziert sein, also von Elektromotoren statt Verbrennungsmotoren angetrieben werden. In etwa zehn Jahren könnten wir einen sogenannten „Breakeven-Punkt“ erreichen, also den Moment, an dem mehr Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb zugelassen sind als mit fossilen Verbrennungsmotoren.

Internationale Hersteller – insbesondere aus China – sind deutlich weiter. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Prof. Dr. Andreas Knie: Noch vor etwa zehn Jahren gingen rund 70 Prozent der deutschen Autoexporte mit hohen Margen nach China. Gleichzeitig hat man hierzulande unterschätzt, wie strategisch der chinesische Staat den Wandel zur Elektromobilität vorbereitet hat. Dort wurde bereits Mitte der 2000er-Jahre systematisch auf elektrische Antriebe gesetzt. Viele deutsche Hersteller haben diese Entwicklung lange nicht ernst genommen – teilweise aus Selbstüberschätzung, weil man davon ausging, die eigene technologische Führungsrolle sei dauerhaft gesichert. Dieser strategische Vorsprung wirkt sich heute deutlich aus.

Derzeit sind in Deutschland knapp 50 Millionen Autos und 20 Millionen Lkw unterwegs, der Großteil davon mit Verbrennungsmotor. Was soll mit diesen Fahrzeugen geschehen?

Prof. Dr. Andreas Knie: Eine Möglichkeit, die Dichte privater Autos zu reduzieren, besteht darin, ihre Nutzung weniger attraktiv zu machen. Dazu gehört, bestehende Privilegien schrittweise abzubauen – etwa kostenlosen Parkraum zu verringern oder innerstädtischen Straßenraum zugunsten von Fahrrad- und Fußwegen umzuverteilen. Darüber hinaus erleben wir einen grundlegenden Wandel unserer Arbeits- und Alltagswelt, der auch unser Fahrverhalten beeinflussen wird: Flexible Arbeitsmodelle, Homeoffice und sogenannte „Third Places“, also Arbeitsorte außerhalb von Büro und Wohnung wie Co-Working-Spaces, reduzieren die Notwendigkeit tagtäglicher Pendlerfahrten. Durch diesen strukturellen Wandel und die Umverteilung öffentlicher Flächen wird das eigene Auto zunehmend unpraktisch. Der Raum, den Pkw lange selbstverständlich beansprucht haben, wird künftig nicht mehr in gleichem Maße verfügbar sein.

Wie lässt sich verhindern, dass alte Verbrennerfahrzeuge in andere Länder exportiert werden und dort weiter CO2- und Schadstoffemissionen verursachen?

Prof. Dr. Andreas Knie: Dieses Problem besteht bereits seit vielen Jahren. Die Wertschöpfungskette der Automobilindustrie ist global, und ältere Fahrzeuge werden in großer Zahl in andere Weltregionen wie Asien, Afrika und Südamerika exportiert. Perspektivisch dürfte sich dies jedoch regulieren, weil auch die Länder des globalen Südens strengere Umweltauflagen einführen und verstärkt auf Elektromobilität setzen. Entscheidend ist, Verbrennerfahrzeuge hierzulande konsequent dem Recycling zuzuführen – also einen geordneten und umweltgerechten Rückbau sicherzustellen –, statt ihre Nutzung andernorts zu verlängern.

Wie lässt sich die Mobilitätswende so gestalten, dass möglichst alle profitieren – auch ältere und einkommensschwächere Menschen sowie die ländliche Bevölkerung?

Prof. Dr. Andreas Knie: Zunächst sollte man berücksichtigen, dass der motorisierte Individualverkehr derzeit soziale Ungleichheiten eher verstärkt. Studien zeigen, dass wohlhabendere Menschen im Durchschnitt schneller unterwegs sind als einkommensschwächere. Ein Grund ist, dass Personen mit mittleren oder hohen Einkommen deutlich häufiger ein eigenes Auto besitzen als der ärmere Teil der Gesellschaft. Das betrifft Städte genauso wie ländliche Gegenden. Für die soziale Gerechtigkeit wäre es also förderlich, insgesamt weniger Privatautos zu haben und stattdessen attraktive, bezahlbare Mobilitätsangebote für alle bereitzustellen.

Wie könnten solche Angebote konkret aussehen?

Prof. Dr. Andreas Knie: Entscheidend ist die intelligente Verknüpfung aller verfügbaren Verkehrsmittel – vom E-Scooter über Robotaxis bis hin zu Bus und Bahn. Die nahtlose Kombination verschiedener Verkehrsmittel innerhalb einer Reise wird übrigens als „intermodale Mobilität“ bezeichnet. Wichtig ist, dass diese Palette an Angeboten zu erschwinglichen Preisen verfügbar ist, sodass auch Menschen mit geringem Einkommen sie nutzen können. Im ländlichen Raum wird das Robotaxi eine zentrale Rolle spielen, weil es die erwähnte erste und letzte Meile abdeckt. Gleichzeitig wird der ÖPNV elektrifiziert und modernisiert. So wird Mobilität für alle zugänglicher. Weniger Autos bedeuten daher nicht weniger Bewegungsfreiheit, sondern mehr.

Wie weit ist die Entwicklung der Robotaxis?

Prof. Dr. Andreas Knie: In den USA und in China sind autonome Fahrdienste bereits im praktischen Einsatz. Europa hinkt hier etwas hinterher. In Deutschland laufen aber zahlreiche Pilotprojekte, in denen Technologie, Regulierung und Akzeptanz getestet werden. Besonders interessante Modellversuche gibt es derzeit unter anderem in München. Bis Robotaxis in Deutschland flächendeckend fahren, wird es aber wohl noch ein paar Jahre dauern.

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Emissionen deutlich zu senken und bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen – auch im Mobilitätssektor. Reicht das aktuelle Tempo aus?

Prof. Dr. Andreas Knie: Definitiv nicht. Die Treibhausgas- und Schadstoffemissionen des Verkehrssektors sinken bislang nur sehr langsam – und das vor allem, weil die gefahrenen Kilometer leicht zurückgehen. Im Verhältnis sinkt der Anteil des Verkehrs an den Gesamtemissionen hingegen nicht, sondern steigt sogar. Das zeigt, dass wir in diesem Bereich deutlich mehr tun müssen. Auch das Bundesverwaltungsgericht hat unlängst festgestellt, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen. Es besteht also erheblicher Handlungsbedarf.

Kann die Mobilitätswende gelingen, wenn Energie- und Verkehrswende nicht konsequent zusammen gedacht werden?

Prof. Dr. Andreas Knie: Genau darin liegt eine zentrale Herausforderung. Häufig wird noch in getrennten Systemen gedacht, etwa wenn von überlasteten Stromnetzen die Rede ist. Tatsächlich brauchen wir eine Umstellung von stark zentralisierten Energiestrukturen hin zu dezentralen Systemen mit mehr Flexibilität, Speichern und Redundanzen. Hier können Elektroautos eine wichtige Rolle spielen – etwa durch „Vehicle-to-Grid“-Technologie, also die Rückspeisung von Strom aus Fahrzeugbatterien ins Netz. Fahrzeuge sind dann nicht nur Transportmittel, sondern zugleich mobile Energiespeicher, die Stromnetze stabilisieren können. Wenn wir dieses Zusammenspiel konsequent nutzen, lassen sich sowohl der Anteil erneuerbarer Energien als auch die Zahl elektrischer Fahrzeuge deutlich steigern.

Elon Musk hat einmal prognostiziert, dass in 50 Jahren niemand mehr selbst Auto fahren wird – höchstens aus Nostalgie. Teilen Sie diese Einschätzung?

Prof. Dr. Andreas Knie: Diese Prognose halte ich durchaus für plausibel. Tätigkeiten wie Schalten, Kuppeln und Lenken werden zunehmend automatisiert und werden langfristig der Geschichte angehören. Es ist gut vorstellbar, dass man in Zukunft nur noch auf speziellen Strecken oder in Freizeitkontexten selbst fährt – ähnlich wie heute beim Reitsport oder historischen Eisenbahnen. Autofahren würde dann vom Alltagsvorgang zur besonderen Erfahrung.

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