Schelchen GmbH: die Familien Bürger und Seiffert im Interview
Hinter der Marke pedag® verbirgt sich ein Hidden Champion: Die Schelchen GmbH in Königs Wusterhausen ist der größte Einlegesohlenhersteller Deutschlands und exportiert zertifizierte Medizinprodukte weltweit. Tilo und Ines Bürger, Christian und Lisa Seiffert sind das Führungsteam des Familienunternehmens und geben Einblicke, wie sie den Generationswechsel in dritter Generation gemeistert haben.

Zuletzt aktualisiert am: 11.6.2026
Lesezeit: 7 Minuten
Herr Seiffert, Sie sind 2021 in die Geschäftsleitung der Schelchen GmbH eingestiegen. Wie kam es dazu?
Christian Seiffert: Meine Frau Lisa und ich waren vorher in Südwestdeutschland angestellt und wollten endlich selbst gestalten, nicht nur ausführen. Als ihre Eltern, Tilo und Ines Bürger, gerade dabei waren, das Unternehmen von Sabine und Thomas Timm zu übernehmen, haben sie uns den Einstieg angeboten. Das war mitten in der Pandemie. Die Frage war für uns nicht, wie wir die Pandemie managen, sondern wie wir mit zusätzlicher Energie aus dieser Phase rauskommen.
Was war Ihnen beim Einstieg in das Familienunternehmen besonders wichtig?
Christian Seiffert: Dass wir das ganze Wissen unserer erfahrenen Vorgänger aufsaugen. Das ist natürlich nicht mit einem Mal abgeschlossen. Geschäftlich ist alles geklärt, aber wir wollen nicht einfach übernehmen, sondern verstehen, warum hier vieles so gewachsen ist, wie es ist. Das hilft uns, eigene Ideen mit der bestehenden Substanz zu verbinden.
Name: Ines Bürger (rechts im Bild)
Position: Geschäftsführung Vertrieb & Marketing
Name: Tilo Bürger (rechts hinten im Bild)
Position: Geschäftsführung Produktion & Technik
Name: Christian Seiffert (mittig hinten im Bild)
Position: Operations Manager
Name: Lisa Seiffert (mittig vorn im Bild)
Position: Projektmanagement
Herr Bürger, Sie haben das Unternehmen gemeinsam mit Ihrer Frau Ines von Sabine und Thomas Timm übernommen. Wie war der Weg dahin?
Tilo Bürger: Hartmut Schelchen hatte sein Unternehmen 1955 gegründet, weil er mit den damals importierten Einlegesohlen schlicht nicht zufrieden war. Thomas Timm unterstützte ihn ab den 80er Jahren und hat den Export massiv ausgebaut. Doch wie es für die Gründergeneration typisch ist, fiel es Hartmut Schelchen schwer, das Aufgebaute loszulassen. Sabine und Thomas Timm haben aus dem schwierigen ersten Übergang gelernt und sich rechtzeitig um die Nachfolge gekümmert. So konnten wir den Wechsel sehr geordnet gestalten. Wir haben uns direkt entschieden, die nächste Generation, also Christian und Lisa, mit einzubeziehen.
Ihre Branche gilt als traditionell. Wie digital ist die Schelchen GmbH?
Tilo Bürger: Ich war sehr früh in der dreidimensionalen Bildanalyse tätig, was heute als 3D-Scanner-Technologie bekannt ist. Daraus ist 2013 unser „Easy Step" entstanden: ein Gerät für Verkaufsflächen, das den Fuß des Kunden scannt und das passende Fußbett zum Fuß- und Schuhtyp empfiehlt. Außerdem sind wir mit unserem Warenwirtschaftssystem tief vernetzt – wir sehen jederzeit, wie viele Produkte unsere Kunden noch im Lager haben, und können sofort nachliefern. Wir waren bereits vor der Pandemie sehr gut digital aufgestellt.
Hat die Pandemie die Digitalisierung bei Ihnen weiter beschleunigt?
Christian Seiffert: Erstaunlicherweise nicht in unserem Fall, aber wir waren auch schon sehr gut dabei. Die Corona-Förderungen für Digitalisierung haben wir nicht genutzt, denn plötzlich waren Marketing- und Digitalagenturen doppelt so teuer wie zuvor. Wir haben auch dazu gelernt, zum Beispiel: Einen Webshop zu haben ist das eine, dafür auch Kunden zu gewinnen, das andere.
Wie stehen Sie zum Thema Plattformökonomie für Ihre B2B-Kunden?
Tilo Bürger: Da sage ich entschieden nein, und das hat nichts mit Digitalisierungs-Skepsis zu tun, sondern mit Vertriebsstrategie: Wir suchen unsere Geschäftspartner vor allem im Ausland selektiv aus und vermeiden konkurrierende Vertriebsstrukturen. Letztendlich geht das zu Lasten der Marke und uns als Hersteller. Bei B2B-Plattformen geht es neben dem Verkaufen vor allem ums Datensammeln, das lohnt sich für mittelständische Betriebe wie uns kaum. Und Künstliche Intelligenz wird dieses Geschäftsmodell ohnehin grundlegend erschüttern.
Was macht die Schelchen GmbH zu einem Hidden Champion des deutschen Mittelstands?
Christian Seiffert: Wir sind in einem Bereich tätig, den viele nicht auf dem Schirm haben: orthopädische Fußbettungen und Einlegesohlen als zertifizierte Medizinprodukte. Unter der Marke pedag® sind wir der größte Einlegesohlenhersteller Deutschlands und exportieren in mehr als 50 Länder.
Wie viel macht der Standort für Sie aus?
Christian Seiffert: Das gewachsene Gelände hier in Königs Wusterhausen trägt viel zur Atmosphäre bei: Produktion, Lager, Verwaltung, Kantine und Fitnessraum liegen nebeneinander, verbunden durch einen liebevoll gepflegten Garten. Diese Umgebung prägt unser Miteinander und unsere Kunden weltweit spüren das auch in der Qualität, die hier in Handarbeit entsteht.
Welche externen Faktoren machen Ihnen aktuell am meisten zu schaffen?
Christian Seiffert: Wir sind 2021-2023 geschrumpft, einige Geschäftsfelder haben wir komplett eingestellt. Noch stärker treffen uns Energiekrise und internationale Konflikte, unser Russlandgeschäft existiert nicht mehr, der Gaspreis ist deutlich gestiegen. Und dann der Fachkräftemangel: In den nächsten fünf Jahren werden rund 20 Prozent unserer Belegschaft in den Ruhestand gehen. Für einen Betrieb unserer Größe ist das eine enorme Aufgabe. Zusätzlichen sehen wir uns auch mit deutlich zunehmender staatlicher Regulierung konfrontiert.
„Alle hier sind starke Persönlichkeiten. Jeder braucht seinen eigenen Entscheidungsbereich und das muss gegeben sein.“
Tilo Bürger, Geschäftsführer Schelchen GmbH
Schafft die zunehmende Regulierung Probleme?
Tilo Bürger: Unsere Produkte sind als Medizinprodukte zertifiziert, mit allem, was dazugehört: CE-Kennzeichnung, Qualitätsmanagement, regelmäßige Audits. Zwei Drittel unserer Mitarbeitenden haben inzwischen eine Sonderfunktion: Ersthelfer, Brandschutz-, Datenschutz-, Arbeitsschutzbeauftragte. Das ist alles wichtig, aber es sind Tätigkeiten, die nicht zur Wertschöpfung beitragen.
Christian Seiffert: Dazu kommen Whistleblower-Richtlinien und Nachhaltigkeitsberichterstattung. Großunternehmen können das stemmen. Für den Mittelstand wird es zunehmend zur Existenzfrage, denn man braucht allein dafür immer mehr ausgebildetes Personal. Manchmal entsteht der Eindruck, wir machen uns den Fachkräftemangel selbst.
Wie schaffen Sie die Balance zwischen Unternehmertum und Familienleben?
Tilo Bürger: Alle hier sind starke Persönlichkeiten, und jeder hat seinen eigenen Entscheidungsbereich. Wir können hitzig diskutieren und uns trotzdem in die Augen schauen. Wertschätzung ist immer die Grundlage.
Lisa Seiffert: Wir fahren auch gemeinsam in den Urlaub, und ja, wir sprechen dort auch über die Arbeit, aber anders als im Tagesgeschäft. Arbeit gehört für uns einfach zum Leben dazu, weil wir mit ganzem Herzen dabei sind.
Was inspiriert Sie persönlich?
Ines Bürger: Unsere Kunden, weil sie Probleme haben, die wir lösen wollen. Wir produzieren Sonderanfertigungen für Japan, andere für Griechenland, und alle haben individuelle Anregungen und individuelle Bedürfnisse. Uns damit zu beschäftigen, bringt uns immer weiter.
Christian Seiffert: Mich inspiriert Simon Sinek, ein Unternehmensphilosoph, der viel auf psychologische Sicherheit in Teams setzt. Unternehmertum ist für mich kein Einzelkampf. Wir sind ein Team, und wir harmonieren. Sinek erinnert mich immer wieder daran, mir klarzumachen, warum wir eigentlich tun, was wir tun.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Tilo Bürger: Dass wir den Übergang von zweiter zu dritter Generation so gemeistert haben. Das spiegeln uns auch Kunden, Partner und sogar unsere Banken so.
Christian Seiffert: Und dass wir auf einer soliden, eigenfinanzierten Grundlage stehen. Wir gestalten den Wechsel ohne Bankenfinanzierung, alles aus dem Cashflow. Das macht uns unabhängig.
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