Thorsten Käding, Geschäftsführer der Café Reinhardt GmbH, im Interview
Seit 1883 backt die Familie Reinhardt in Hamburg, heute in der fünften Generation. Thorsten Käding leitet die Café Reinhardt GmbH & Co. KG gemeinsam mit Stephanie Käding, seiner Schwester. Sie stehen für Tradition, Handwerk und gelebte Nachhaltigkeit, lange bevor das Wort zum Trend wurde. Im Interview spricht er über den Fachkräftemangel und warum Effizienzsteigerung kein Selbstzweck ist.

Zuletzt aktualisiert am: 11.6.2026
Lesezeit: 7 Minuten
Herr Käding, wie sind Sie in den Familienbetrieb hineingewachsen?
Ich habe als Kind und Jugendlicher schon im Betrieb mitgeholfen. Seit ich zwölf war neben der Schule, da war ich der staubige Bäckerjunge, während andere Mitschüler Eltern in Agenturen oder Managementjobs hatten. Damals war das kein cooles Image. Heute sitzen genau diese Schulkollegen mit einer gewissen Bewunderung in unserem Café. Mein Rat ist deshalb klar: Wenn du was machst, mach es ganz. Unser Erfolg hat nichts mit Intelligenz oder Talent zu tun, sondern damit, dass ich es immer gern gemacht habe.
Name: Thorsten Käding
Position: Geschäftsführer
Unternehmen: Café Reinhardt GmbH & Co. KG
Gründung: 1883, aktuell in fünfter Generation

Was macht das Reinhardt heute aus?
Ich führe das Unternehmen gemeinsam mit meiner Schwester Stephanie. Das erste Café hat übrigens unsere Mutter in den 70er Jahren hier in Poppenbüttel eröffnet. Aus der Bäckerei und Konditorei ist das „Reinhardt“ geworden, wie es heute genannt wird. Wir verbinden Handwerkstraditionen mit dem Anspruch, gesunde und bekömmliche Produkte zu machen. Das heißt: lange Teigruhe, traditionelle Sauerteige, durchdachte Mehlmischungen. Das gibt unseren Backwaren einen einzigartigen Geschmack. Unser Bäckermeister probiert immer wieder Neues aus. Inzwischen kommen über die Hälfte unserer Umsätze aus der Gastronomie, also aus dem Café, der Konditorei und der Küche. Aber die Wurzel bleibt das Bäckerhandwerk.
Sie haben aber auch B2B-Kund:innen?
Wir beliefern mehr als 30 Geschäftskund:innen in Hamburg mit individuellen, hochwertigen Backwaren. Dazu gehören Häuser wie die Kaffeerösterei in der Speicherstadt, aber auch lokale Edeka-Märkte, die ihr Sortiment mit regionalen Backwaren aufwerten. Das hat sich über Jahre organisch entwickelt über Empfehlungen, Vertrauen und Beständigkeit.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Ihnen?
Wir haben das Thema schon angegangen, bevor es modern wurde und als Schlagwort in die Presse kam. Produkte, die wir nicht verkaufen, spenden wir dreimal pro Woche an die Hamburger Tafel oder es geht in den Produktionsprozess zurück. Wir verschwenden nichts als Restmüll. Außerdem nutzen wir die Abwärme unserer Öfen für Warmwasser.
Beim Einkauf setzen Sie auf Regionalität. Warum?
Wo es möglich ist, kaufen wir regional ein. Das stärkt die Region, und die Wirtschaftsleistung fließt nicht in andere Märkte ab. Kiwis kommen weiter aus Neuseeland und Mandeln aus der Türkei, aber Erdbeeren beziehen wir aus Henstedt-Ulzburg oder Ratzeburg, Obst direkt vom Erzeuger aus dem Alten Land und Milch vom Milchhof Kruse in Pinneberg.
Es wird gerade viel von Effizienzsteigerung gesprochen. Wie sehen Sie das?
Als verantwortungsvoller Kaufmann muss ich gewinnorientiert arbeiten, klar. Aber wir knechten hier niemanden. Wir haben gelernt, auch mal Nein zu sagen. Das fällt im Familienbetrieb schwer, ist aber wichtig. Nach der Wiedereröffnung nach Corona waren wir so stark frequentiert, dass die Mitarbeitenden irgendwann sagten: Wir können nicht mehr. Da muss ich nicht versuchen, noch Effizienz zu steigern. Da geht es um Bestehen, nicht um das nächste Prozent.

Energiefragen klären Sie gemeinsam mit Vattenfall. Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit?
Ich bin vor ein paar Jahren bei Vattenfall reingerutscht und habe da viel Glück gehabt, vor allem mit meinen Betreuerinnen, Frau Hubajn und Frau Partikel. Sie kennen unser Geschäft, hören sich aber auch meinen privaten Kram an. Wir haben hier drei Gewerbeeinheiten plus private Mieter, da muss bei Verträgen und Stromzählern viel zusammenpassen. Außerdem setzen wir jetzt mit Vattenfall auch Ladesäulen vor das Geschäft, für unsere Kund:innen und auch für unsere Lieferfahrzeuge. Bei mir passiert vieles noch mit Handschlag, ein Wort zählt. Dafür drücke ich auch nicht die Preise ins Minimalistische. Ich gebe Vertrauen und Fairness und bekomme dasselbe zurück.
Was hat Sie im Digitalen vorangebracht?
Wir haben uns während der Pandemie einen Online-Shop aufgebaut. Der war schnell aufgesetzt und so gut frequentiert, dass schon nach sechs Wochen viele Kund:innen ihr Frühstück online bestellten. Wir haben Frühstücksboxen zur Abholung angeboten, kombiniert mit einem Lieferservice. Außerdem können Gäste digital reservieren, eine Bestellung durchgeben und sich selbst einen Tisch aussuchen. Geschwindigkeit im digitalen Wandel ist für mich keine Frage von Startup oder Tradition, sondern eine Frage von Bedarf und Notwendigkeit.
Wie erleben Sie den Fachkräftemangel in der Gastronomie und im Bäckerhandwerk?
Personal ist die größte Herausforderung. Es gibt diesen Typen Mensch einfach nicht mehr: die Person, die da ist und tätig ist. Kolleg:innen werben auf allen Plattformen, und niemand bewirbt sich. Ich glaube, das geht gar nicht primär ums Geld. Viele Beschäftigte sind in der Kurzarbeitszeit abgewandert, konnten so nicht überleben, haben sich umorientiert und kamen einfach nicht zurück. Bei uns war es nicht ganz so schlimm, weil unsere Mannschaft sehr stabil ist. Trotzdem könnten wir sofort zehn bis zwanzig zusätzliche Festangestellte und Aushilfen einarbeiten.
Was bieten Sie Ihrem Team?
Ein Bruttolohn in der Branche ist nicht hoch, damit wird niemand reich. Trotzdem habe ich eine sehr stabile Mannschaft. Manche sind seit 40 Jahren hier. Wer hier ist, der bleibt. Und wer einmal hier gearbeitet hat, kommt häufig zurück: Schüler:innen, die als Aushilfen anfangen und in den Semesterferien wiederkommen, ehemalige Beschäftigte, die nach einem Wechsel doch wieder aushelfen. Wir bieten viele Freiheiten, es gibt einen direkten Draht zum Führungsteam. Auf die Menschen kann ich mich verlassen und umgekehrt sie sich auch auf uns. Das ist der größte Unterschied zu den Ketten.
Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?
Ich hatte ein unterschriftsreifes Angebot für einen weiteren Standort und musste das wegen des Personalschlüssels aber absagen. Eine neue Filiale lässt sich heute nicht stressfrei besetzen und das wäre nicht der Sinn der Sache. Die Vision habe ich deshalb erstmal zurückgestellt. Insgeheim träume ich von einem Hofladen mit Bauernhof. Das darf ich nicht zu laut sagen, mein Team rügt mich sonst und fragt, wann das auch noch erledigt werden soll. Aber ein paar Jahre habe ich ja noch.
"Wenn du etwas machst, mach es ganz."
Thorsten Käding, Geschäftsführer der Café Reinhardt GmbH & Co. KG
Was ist gerade Ihre größte persönliche Herausforderung?
Mich zurückzunehmen. Ich war kürzlich drei Tage im Ausland, hätte einen vierten bleiben können, bin aber lieber zurückgefahren. Wir haben sieben Tage in der Woche geöffnet, 365 Tage Betrieb. Stephanie und ich haben gelernt, dass man immer da zu sein hat. Etwas loszulassen, das ist die Disziplin, die ich noch lernen will.
Was tun Sie zur Entspannung?
Sport. Seit 25 Jahren spiele ich mit Passion und mittelmäßigem Erfolg Golf, in meinem Club bin ich stellvertretender Kapitän und drei- bis viermal pro Woche auf dem Platz. In der Pandemie habe ich Tennis wieder angefangen und beim Kiten bin ich gerade Einsteiger. Dazu kommt Fitness mit Fokus auf Rücken. Muskelaufbau gegen die Belastung im Beruf, damit ich gar nicht erst zur Physiotherapie muss.
Was bedauern Sie?
Das Einzige, was ich ein bisschen bedauere, ist, dass ich meine Freunde vernachlässige. Auch die echten Freunde verstehen das irgendwann vielleicht nicht mehr, auch wenn man die seit Schulzeiten, seit 20, 30 Jahren hat. Da muss ich auch dran arbeiten.

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