Interview mit ALGENWERK-Gründer Gunnar Mühlstädt

Seit 2015 entwickelt Ingenieur Gunnar Mühlstädt Anlagen zur Kultivierung von Mikroalgen – vor allem für die Nahrungsmittelindustrie. 2022 gründete er in Dresden die PUEVIT GmbH mit dem dazugehörigen Franchise-Modell ALGENWERK. Im Interview spricht er über die besonderen Eigenschaften eines der ältesten Organismen unseres Planeten und wie man überschüssige Energie in hochwertige Lebensmittel verwandelt. 

Dieses Bild zeigt Jens Fritsche und verdeutlicht das Thema Jens Fritsche, Centermanager des Storkower Bogens, im Interview

Vom Konzern-Ingenieur zum Algen-Start-up 

Herr Mühlstädt, wie sind Sie zu den Algen gekommen? 

Ich war bei der Georg Fischer AG im Anlagenbau tätig. Im Rahmen eines Innovationsprojekts wurde dort ein spezielles Kunststoffrohr für die Algenkultivierung entwickelt, das haben wir auf Messen präsentiert. Ich als Maschinenbauer hatte damals wenig Bezug zu Algen. Aber als ich mich wirklich damit beschäftigt habe, was Algen können, und welches Potenzial dahintersteht, hat mich das gepackt. Da wusste ich: Das muss man industrietauglich machen.

Name: Gunnar Mühlstädt

Position: Gründer, Visionär und CTO

Unternehmen: PUEVIT GmbH mit dem Franchise-Modell ALGENWERK

Ausbildung: Maschinenbau und Automatisierungstechnik, TU Dresden 

Berufliche Stationen: Georg Fischer AG Ingenieur für Anlagenbau, ab 2015 Gründer MINT Engineering, seit 2022 Gründer PUEVIT GmbH

Was fasziniert Sie an Algen so sehr? 

Algen haben ein unheimlich breites Potenzial und wachsen sehr effizient. Ich glaube, das sind die effizientesten Organismen, die wir auf unserem Planeten haben. Man kann sie für fast alles nutzen: als Lebensmittel, in der Kosmetik, in der Pharmazie. Und im Prinzip kann man alle Produkte, die heute erdölbasiert sind auch aus Algen machen. Erdöl ist nichts anderes als Plankton, drei Millionen Jahre alt. 

Wie reagierte ihr Umfeld auf die Entscheidung, den sicheren Job aufzugeben?

Ich hatte einen Top-Job, die Karriere wäre steil weitergegangen. Aber irgendwann fragt man sich: Ist das alles so gut und richtig, was man tut? Im Konzern wird Nachhaltigkeit oft so beschrieben, dass wir nachhaltig die Rendite unserer Aktionäre verbessern. Betriebswirtschaftlich verstehe ich das, aber ich hatte eine andere Vorstellung davon. Der eigenen Frau zu sagen, ich habe jetzt gekündigt, das ist ein großer Schritt. Aber sie hat gesagt: Ich merke, das ist deins, mach das. Das ist sehr wichtig, wenn man so eine Entscheidung trifft.

Teambild des Algenwerk in Dresden vor den Algentanks

Rückschlag und Neustart: Die Geschichte hinter ALGENWERK

Ihre erste Firma ist in die Insolvenz gegangen. Was ist passiert?

Ich hatte MINT Engineering 2015 gegründet. Bis 2020 hatten wir einen Investor für ein großes Projekt. Dann kam Corona, der Investor hat nicht mehr gezahlt und das hat uns zu Fall gebracht. MINT war meine Firma, da habe ich alles reingesteckt. Das war für mich persönlich eine ziemlich harte Zeit. 

Was hat Sie durch diese Phase durchgetragen?

Die Überzeugung, dass das, was ich tue, das Richtige ist. Die Welt braucht solche Technologien. Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern muss Wege suchen und Konstellationen schaffen, dass es weitergeht. 

Wie kam es 2022 zum Neustart mit PUEVIT?

Alfred Pürstinger, mit dem wir von Anfang an die Anlagen für die Algenproduktion gebaut haben, ist als Gesellschafter eingestiegen. Wir haben aus der Insolvenzmasse alles rausgekauft und am gleichen Standort mit neuem Namen weitergemacht. Er hat volles Vertrauen in uns und lässt das Operative vollständig bei uns.  

Diese Zitatkomponente zeigt Gunnar Mühlstädt

„Ich habe wirklich nie den Glauben verloren, dass die Welt Algenzucht für Nahrungsmittel und Pharmazie braucht." 

- Gunnar Mühlstädt, Gründer und CTO der PUEVIT GmbH 

Kundengruppen und Konzept

Was ist Ihr Produkt und wer sind Ihre Kunden?

Wir bauen eine neue Wertschöpfungskette auf: Unser Produkt sind Anlagen für die Algenproduktion, derzeit mit Fokus auf die Spirulina-Alge. Die Algen dienen als Rohstoff für Nahrungsmittelhersteller.  Für diese müssen wir nachweisen, dass sich die Algen im industriellen Maße produzieren lassen und wir entsprechend große Mengenliefern können, wenn es die Nachfrage gibt. Um das besser skalieren zu können, haben wir mit ALGENWERK eine Marke als Franchise entwickelt.

Wie funktioniert das Franchise-Konzept?

Für das Franchise sind unsere Zielgruppe Landwirte, die überschüssige Energie von regenerativen Anlagen umwandeln wollen und die den notwendigen Platz haben, zum Beispiel in Scheunen und Lagerhallen. Ihnen bieten wir nicht nur die Anlagen, sondern den gesamten standardisierten Prozess. Auf der anderen Seite suchen wir die Abnehmer für das Produkt. Wir schaffen so eine Möglichkeit für Landwirte ihre ungenutzten Flächen und überschüssige Energie konkret zu verwerten. 

Ein neues Produkt für die Nahrungsmittelindustrie

Was macht Algen für die Lebensmittelbranche so interessant?

Die Alge Spirulina gilt als das nährstoffdichteste Lebensmittel, das es überhaupt gibt. Sie enthält viel Protein mit allen essenziellen Aminosäuren, dazu verschiedene Vitamine und viele pflanzliche Sekundärstoffe. Pro Kilogramm produzierter Alge werden außerdem etwa zwei Kilogramm CO2 gebunden. Das schaffen andere Pflanzen genauso, aber die Alge wächst deutlich schneller als beispielsweise ein Baum: Innerhalb von drei Tagen erzeugen wir mit der kleinsten Variante unserer Anlage 60kg Biomasse. Außerdem hat sie noch einige sehr nützliche technofunktionale Eigenschaften. 

Was ist mit technofunktionalen Eigenschaften gemeint?

Die Alge scheidet sogenannte extrazelluläre Polymere-Substanzen aus, kurz EPS. Das sind Zucker- und Polymerverbindungen mit einer echten Wirkung in der Lebensmittelverarbeitung: Sie bringen Cremigkeit und Textur, sie beeinflussen zum Beispiel das emulgierende Verhalten. Das ist ein riesiger Vorteil, weil man mit dem Rohstoff eine ganze Reihe von Zusatzstoffen ersetzen kann. 

Das Bild zeigt ein Qualitätstext von Algen im Reagenzglas beim Algenwerk Dresden

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel aus der Praxis?

Ein sehr überzeugendes Beispiel ist Eiscreme. Klassisch entsteht Cremigkeit aus der Kombination von tierischem Fett, Zucker und dem Rühren beim Einfrieren. Genau diesen Effekt bekommen wir durch die EPS-Matrix unserer frischen Spirulina hin. Im Eis eines Kunden sind 15 Volumenprozent Spirulina drin. Das tierische Fett lässt sich so komplett einsparen und der Zucker um 30 Prozent reduzieren. Das sind genau die beiden Stoffe, die wir in Lebensmitteln reduzieren wollen. In Getränken oder Smoothies können wir zehn bis zwanzig Prozent Spirulina einsetzen, ohne den Geschmack zu beeinflussen. Außerdem reicht nur ein Löffel der Spirulina, um aus einem Smoothie mit einem Nutri-Score von C einen Nutri-Score A zu machen.

Haben Algen nicht einen merkwürdigen Geschmack?

Bei Algen ist es wie bei einem Salatkopf: Wenn man den erntet und trocknet, hat man am Ende Heu. Das schmeckt nicht mehr nach Salat, viele Vitamine und Nährstoffe sind weg. Im Trockenpulver der Alge entsteht dieser typische fischig-komische Geschmack, den man in kaum einem Lebensmittel haben will. Unsere frische Alge schmeckt nach nichts, was ihre eigentliche Stärke ist: Sie beeinflusst keinen Grundgeschmack und ist damit in Süßspeisen, Herzhaftem und Getränken einsetzbar. Die frisch geerntete Biomasse ist bei uns fünf Wochen haltbar.

Wie schwer ist es, damit bei den großen Lebensmittelherstellern durchzudringen?

Der Lebensmittelbereich ist sehr konservativ mit langsamer Innovationsgeschwindigkeit. Menschen essen am liebsten das, was sie schon immer essen. Für uns heißt das, wir müssen die Firmen identifizieren, die innovationsoffen sind und nicht sagen: Unser Geschäftsmodell ist Leberwurst, wie schon immer. Wir sind auf großen Messen präsent und haben 2026 auf der Internorga (die europäische Leitmesse für Gastronomie und Außer-Haus-Verpflegung) den Zukunftspreis gewonnen. Solche Auszeichnungen öffnen Türen. Einige große Hersteller verarbeiten inzwischen Muster von uns. Bis daraus ein Produkt im Regal wird, dauert es aber noch eine Weile.

Emissionen, Ressourcenkreislauf und Zusatznutzen der Algenproduktion

Sie nennen Ihr Konzept Power-to-Food: Was ist damit genau gemeint?

Wenn Elektrolyseure aus Salzwasser und Strom Wasserstoff erzeugen, nennt man das Power to Gas. Ähnlich ist es bei uns: Unsere Algenanlagen machen aus Energie ein hochwertiges Lebensmittel, speichern diese also, deshalb: Power to Food. Unsere Franchisenehmer können mit einer Algenanlage Energie aus dem Netz zu besonders günstigen Zeitpunkten oder Energieüberschüsse aus Photovoltaik, Wind oder Biogas, die sie gerade nicht ins Netz einspeisen, in ein nützliches Produkt umwandeln und weiterverwerten. Auch Abwärme lässt sich einbinden. Unsere Algen sind Tag-Nacht-Wechsel und schwankende Lichtverhältnisse aus der Natur gewohnt. Wenn viel Energie im Netz verfügbar ist, drehen unsere Anlagen automatisiert die Lichter heller. Wenn wenig verfügbar ist, dimmen sie.  

Erfassen Sie CO2-Emissionen für Ihre Produktion?

Wir sind, soweit ich weiß, die einzigen Algenproduzenten mit einer echten Lebenszyklusanalyse nach ISO-Standard. Die haben wir gemeinsam mit der United Nations University erstellt. Damit können wir ehrlich sagen, wie groß der CO2-Fußabdruck, der Wasser- und der Landabdruck pro Kilogramm Biomasse ist. Diese Zahlen können wir auch an unsere Kunden weitergeben, so dass sie ihren eigenen Fußabdruck sauber ausweisen können. 

Ein zentraler Rohstoff in Ihrer Produktion ist das Wasser. Wie gehen Sie damit um?

Das Wasser, das nach der Ernte übrigbleibt, verwerten wir weiter. Ein Teil geht direkt zurück ins System. Ein anderer Teil geht an ein Start-up, mit dem wir zusammenarbeiten. Die entwickeln daraus einen Biostimulant, den Landwirte, Golf- und Fußballplätze oder Weinbauern einsetzen. Das Algenwasser wirkt stimulierend und protektiv auf die Pflanzen. Dadurch braucht es weniger oder gar keine chemischen Pflanzenschutzmittel und Fungizide mehr. Am Ende entsteht bei uns praktisch kein Abfall, außer dem Sauerstoff, den die Algen an die Luft abgeben.

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Persönlich Wünsche und Einblicke

Was wünschen Sie sich konkret an politischer Unterstützung?

Dass man den Markt stimuliert, nicht nur die Forschung. Ein gutes Beispiel war die Photovoltaik: Der Staat hat den erzeugten regenerativen Strom über Jahre zu einem garantierten Preis abgekauft. Das hat die Technologie beschleunigt, weil es das Investitionsrisiko minimiert hat. Wenn man so etwas für biobasierte Produkte machen würde, würde sich schnell Kapital von Investoren finden. Umgekehrt ist es schwieriger: Wenn nicht klar ist, wer die Produkte kauft, findet sich auch schwer jemand, der investiert. 

Wo sehen Sie die PUEVIT GmbH in fünf bis zehn Jahren?

Meine Mission ist, Algen wirklich industrietauglich zu machen und damit einen nachhaltigen Rohstoff für viele verschiedene Anwendungen zur Verfügung zu stellen. Algen sind heute vor allem eine Vision aus der Wissenschaft, die theoretisch als Nahrungsmittel und Rohstoff der Zukunft gilt. Ich will, dass viele ALGENWERKE entstehen, und wir ein ernstzunehmender Lieferant im Bereich Lebensmittel und Kosmetik werden und dass alle großen Rohstoffverarbeiter frische Algen als Alternative ernsthaft in Betracht ziehen. 

Worauf blicken Sie mit besonderem Stolz zurück?

Was mich persönlich stolz macht, ist, dass meine Kinder, die inzwischen junge Erwachsene sind, zu mir sagen: Papa tut was für unseren Planeten. Das ist die Mission, mit der ich angetreten bin. Wenn einem die eigenen Kinder das spiegeln, ist das mehr als ein Schulterklopfen. 

Wie schaffen Sie den Ausgleich zum Hochdruck-Alltag als Gründer?

Wir machen als Familie einen Orientierungslauf, eine totale Randsportart. Man bekommt am Start eine Karte in die Hand und läuft verschiedene Punkte im Wald ab. Wenn man das macht, hat man keine Zeit, an andere Sachen zu denken, und man ist in der Natur. Ansonsten geht mir immer irgendetwas durch den Kopf, richtig Feierabend mache ich fast nie. 

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