Nachhaltigkeit als Erfolgsrezept: Das Café Reinhardt in Hamburg

Drei Standorte, eine eigene Backstube, mehr als 30 belieferte B2B-Kunden und 365 Öffnungstage im Jahr: Das Café Reinhardt ist seit 1883 in Hamburg verwurzelt. Das Erfolgsrezept des Hamburger Familienbetriebs verbindet Müllvermeidung, Abwärmenutzung und regionale Beschaffung. Dieses Best Practice zeigt, wie Nachhaltigkeit und Effizienz im Mittelstand ohne ideologische Aufladung gelingen können.

Dieses Bild zeigt das Gebäude der Marke pedag der Schelchen GmbH

Zuletzt aktualisiert am: 3.6.2026
Lesezeit: 6 Minuten

Das Café Reinhardt in Zahlen

Gründungsjahr Café Reinhardt 1885

Mitarbeitende Café Reinhardt ca. 120

Standorte Cafe Reinhardt 3

Familienbetrieb seit 1883: Vom Bäckerladen zur Marke

Standorte und Geschäftsmodell: B2C und B2B in Hamburg

Drei eigene Standorte in Hamburg bilden das Filialnetz: der Hauptstandort und Produktionssitz in Poppenbüttel, ein zweiter Standort in Wellingsbüttel sowie eine Filiale im Einkaufszentrum Alstertal. Die Café-Filialen sind ganzjährig stark frequentiert. 

Das zweite Standbein ist das Großhandelsgeschäft. Das Reinhardt beliefert rund 30 Gastronomien in Hamburg mit individuellen, hochwertigen Backwaren. Zu den Kunden zählen unter anderem die Kaffeerösterei in der Speicherstadt sowie lokale Edeka-Märkte, die ihr Sortiment mit regionalen Backwaren aufwerten.

Kreislaufdenken in der Produktion: Müllvermeidung als Effizienzhebel

Bäckereien produzieren systemisch Überschuss. Das Reinhardt behandelt diesen Überschuss konsequent als Ressource. Im Restmüll landet nichts. Drei Mechanismen greifen ineinander:

Tafel-Spenden: Dreimal pro Woche werden nicht verkaufte Produkte an die Hamburger Tafel gespendet. Lebensmittelrettung und soziale Verantwortung gehen Hand in Hand.

Paniermehl-Rückführung: Altes Brot wird zerkleinert und als Paniermehl in neue Teige zurückgeführt. Das führt zu einer Qualitätssteigerung: Frischhaltung, Geschmack und Biss der Backwaren profitieren laut Geschäftsführung messbar.

Tierfutter-Abholung: Was nach diesen beiden Schritten übrig bleibt, geht als Futter in die Schweinemast.

Mehrweg statt Einweg bei der Milch

In den beiden Cafés werden täglich jeweils mehr als 15 Liter Milch für Heißgetränke verschäumt. Früher kam diese Milch in 1-Liter-Tetrapaks aus Pappe und Aluminium. Heute liefert ein regionaler Bauer Milch in austauschbaren Mehrweg-Behältern. Einsparung: 10.000 bis 15.000 Tetrapaks pro Jahr.

Heißes Wasser aus 350°C Abwärme

Die Backöfen sind die größten Energieverbraucher der Bäckerei. Sie laufen täglich zehn bis zwölf Stunden, die Abgastemperatur liegt bei rund 350 Grad Celsius. Über Jahrzehnte ist diese Wärme ungenutzt in den Schornstein entwichen. Dann wurden im Reinhardt Umbaumaßnahmen zur Wärmerückgewinnung umgesetzt: neue Wärmespeicher, Kessel und Wärmeleitungen wurden installiert. Heute werden die Wohnungen im Haus über dem Café komplett mit Warmwasser aus dieser Abwärme versorgt. Die Investition war erheblich, wurde aber bereits damals staatlich gefördert, lange bevor das Thema Energieeffizienz im öffentlichen Diskurs prominent angekommen war.

Die Maßnahme zeigt einen Hebel, der für viele produzierende Mittelständler relevant ist: Die Einsparung und Zweitnutzung von Abwärme in Gewerbe und Industrie zählt zu den Haupthebeln für die Klimaneutralität Deutschlands.

Regionale Beschaffung als Werttreiber

Wo es möglich ist, kauft das Reinhardt regional ein. Diese Strategie hat zwei Effekte: Sie stärkt die regionale Wirtschaftsleistung, und sie schafft kurze, kontrollierbare Lieferketten – ein zunehmend relevantes Thema im Zuge der Berichtspflichten zu Scope-3-Emissionen. Die Faustregel: Alles, was regional verfügbar ist, wird regional bezogen. 

Ladeinfrastruktur am Standort

Der nächste sichtbare Investitionsschritt ist die Elektromobilität. Vor dem Hauptstandort wurde eine Ladestation eingerichtet, sowohl für Kund:innen als auch für die eigene Lieferflotte. Die aktuellen Lieferfahrzeuge mit Verbrennungsmotor werden schrittweise mit Elektrofahrzeugen ersetzt. Das Reinhardt liefert hauptsächlich im Stadtgebiet Hamburg. Reichweite ist also kein Hindernis. Die Investition in eine eigene Ladeinfrastruktur kombiniert zwei Effekte: Sie schafft Kundenservice am Standort und ist gleichzeitig eine Investition für die eigene Flotte. So lässt sich der Wechsel auf E-Fahrzeuge ohne Logistikbrüche vorbereiten.

Digitalisierung: Pandemie als Beschleuniger

Geschwindigkeit im digitalen Wandel ist im Mittelstand keine Frage von Startup oder Tradition, sondern von Bedarf und Notwendigkeit. Das Reinhardt hat in der Pandemie innerhalb kurzer Zeit einen Online-Shop aufgesetzt. Bereits nach sechs Wochen bestellte ein relevanter Teil der Kundschaft das Frühstück online; Frühstücksboxen zur Abholung und ein Lieferservice ergänzten das Angebot und werden immer noch gern genutzt.

Auch bei der Zahlung ist das Reinhardt früh kontaktlos geworden. Zahlungssystem wie Apple Pay, Google Pay und Kreditkarten sind so selbstverständlich wie EC-Karte und Bargeld. Auch Vorbestellungen sind digital möglich; Gäste können online sogar Tische reservieren.

Executive Summary

Fazit: Substanz statt Effizienzzwang

Das Café Reinhardt zeigt, dass Nachhaltigkeit, Elektromobilität und Effizienz im Mittelstand keine separate Strategie sein müssen. Sie sind logische Konsequenz eines klaren Wertegerüsts. Durch die Rettung von Lebensmitteln, die Nutzung von Abwärme, regionalen Einkauf und die dadurch starke Bindung in die Gemeinschaft und regionale Netzwerke entsteht operative Effizienz und ein klarer Markenvorteil bei Kund:innen, die genau darauf zunehmend achten.

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