Sind Dunkelflauten in Deutschland ein Problem?

Für die Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland sind Dunkelflauten nach aktueller Einschätzung kein Problem, für die Strompreise dagegen schon. Spätestens seit dem Winter 2022 wird der Begriff „Dunkelflaute“ oft mit Blackouts und hohen Strompreisen gleichgesetzt. Dieser Artikel erklärt, was eine Dunkelflaute ist und wie sie sich auf die Versorgungssicherheit sowie die Strompreise von Unternehmen auswirkt.

Stille Windräder und Nebel Dunkelflaute

Veröffentlicht am: 21.10.2026
Lesedauer: 6 Minuten

Was ist eine Dunkelflaute?

Eine Dunkelflaute ist eine Wetterlage, bei der in einem großen geografischen Raum gleichzeitig wenig Wind und wenig Sonne vorhanden sind. Der Begriff ist ein Kunstwort aus „Dunkelheit“ und „Windflaute“. Bei dieser Wetterlage ist die Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen deutschlandweit sehr gering. Das Phänomen tritt vor allem im Spätherbst und Winter auf, wenn stabile Großwetterlagen in Europa über Tage das kontinentale Wetter bestimmen.

Es gibt keine amtliche Festlegung dafür, ab welchen Grenzwerten Dunkelflauten vorliegen. Daher existieren sehr unterschiedliche Definitionen. Das Karlsruher Institut für Technologie setzt einen Zeitraum von mindestens zwei bis acht Tagen mit sehr wenig Wind und Sonne an. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) fasst den Begriff enger: Es spricht bereits ab zwei aufeinanderfolgenden Tagen von einer Dunkelflaute, wenn Wind- und Solaranlagen gemeinsam weniger als 10 % des deutschen Strombedarfs decken. Angaben zur Häufigkeit von Dunkelflauten sind daher nur mit der jeweiligen Definition sinnvoll.

Gut zu wissen: Als besonders kritische Variante gelten „kalte Dunkelflauten“. Das sind Dunkelflauten im Winter, bei denen gleichzeitig hoher Heizstrombedarf auftritt. Es fallen also Knappheit in der Erzeugung und Spitzen im Verbrauch zusammen.

Was passiert bei einer Dunkelflaute?

Dieses Bild zeigt einen Strommast in der Abenddämmerung

Bei einer Dunkelflaute fällt die Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen nahezu weg. Kraftwerksbetreiber reagieren darauf am Strommarkt und bieten zusätzliche Erzeugung aus steuerbaren Kraftwerken an. Dazu zählen vor allem Erdgas-, aber auch Kohle- und Pumpspeicherkraftwerke. Reicht die inländische Erzeugung nicht aus, kann zusätzlich Strom aus dem europäischen Verbundnetz importiert werden.

Für die kurzfristige Netzstabilität sind die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW zuständig. Weicht die tatsächlich eingespeiste Strommenge von der geplanten ab, gleichen sie dies über Regelenergie (kurzfristig abrufbare Reserveleistung von Kraftwerken) aus. Kraftwerksbetreiber halten diese Reserve vor und stellen sie auf Anfrage der Übertragungsnetzbetreiber bereit.

Ein flächendeckender Stromausfall (Blackout) aufgrund einer Dunkelflaute wird immer wieder medienwirksam heraufbeschworen. Bisher ist dieser Fall aber nicht eingetreten und gilt als sehr unwahrscheinlich. Die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung pro Verbraucher lag in den letzten 10 Jahren bei unter 13 Minuten im Jahr. Eine Statista-Auswertung von 2026 zeigt, dass die häufigsten Ursachen für Versorgungsunterbrechungen technische Störungen im Netz selbst sind. Dazu zählen zum Beispiel Kabel- und Leitungsfehler. An zweiter Stelle folgen Einwirkungen Dritter, beispielsweise durch Bauarbeiten.

Dunkelflauten in den Jahren 2022 bis 2025

Auslöser medialer und politischer Diskussionen waren vor allem drei länger anhaltende Dunkelflauten in den letzten Jahren: 

  • 2022, im Jahr der Gaspreiskrise, herrschte in Deutschland vom 10. bis 18. Dezember eine windstille, bewölkte und sehr kalte Periode, eine „kalte Dunkelflaute“. Temporär lag der Großhandelspreis bei rund 600 €/MWh und damit mehr als doppelt so hoch wie der durchschnittliche Day-Ahead-Großhandelspreis im Dezember 2022 mit 252 €/MWh.

  • 2024 herrschte im November und im Dezember 2024 über Mitteleuropa die Großwetterlage „Hoch Mitteleuropa“. Sie sorgte in Deutschland für unterdurchschnittlichen Wind. Die Großhandelspreise stiegen an einzelnen Tagen auf über 300 €/MWh. In der Spitze lagen sie sogar über 900 €/MWh. Zum Vergleich: Der Jahresdurchschnitt 2024 lag bei nur rund 79 €/MWh.

  • 2025 sorgte die längste Dunkelflaute des Jahres mit rund 89 Stunden für einen teuren Februarmonat an der deutschen Strombörse. Der durchschnittliche Großhandelspreis stieg in diesem Monat auf rund 130 €/MWh. 

 

Gut zu wissen: Die Großwetterlage „Hoch Mitteleuropa“ beschreibt ein stabiles Hochdruckgebiet über Mitteleuropa. Der Deutsche Wetterdienst hat für diese Wetterlage regelmäßig unterdurchschnittliche Windstromerzeugung in Deutschland festgestellt. In Kombination mit winterlichen, bewölkten Tagen oder breitflächigen Hochnebeln, die wenig Solarstromerzeugung ermöglichen, kann dies zu einer Dunkelflaute führen.

Wie gut ist das deutsche Stromnetz auf Dunkelflauten vorbereitet?

Laut der Bundesnetzagentur kann die Stromnachfrage in Deutschland aktuell und bis 2035 in allen Stunden des Jahres gedeckt werden, wenn zusätzliche steuerbare Kraftwerkskapazitäten errichtet werden. Um die Versorgung ab 2032 abzusichern, müssen allerdings zusätzliche steuerbare Kapazitäten errichtet werden. Die Bundesregierung setzt dabei im Rahmen des Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetzes vor allem auf neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke. Je nach Szenario rechnet die Bundesregierung mit einem Bedarf zusätzlicher steuerbarer Kraftwerkskapazitäten von 22,4 GW (Zielszenario) bzw. bis zu 35,5 GW im schlechtesten Szenario.

Auslastung und Lastspitzen in Deutschland

Dieses Diagramm zeigt den maximalen und minimalen Stromverbrauch sowie die verfügbaren Speicher- und steuerbaren Kraftwerkskapazitäten

Quellen: Bundesnetzagentur, energy-charts.info, SMARD

Diese Einschätzung beruht auf den aktuell verfügbaren Kapazitäten. Die installierte, wetterunabhängig steuerbare Kraftwerksleistung liegt 2026 bei ca. 85,5 Gigawatt. Zusätzlich bieten Batteriespeicher und Pumpspeicher mit mehr als 31 GW Leistung die Möglichkeit, kurzfristige Spitzen auszugleichen. Der Bedarf liegt derzeit bei normaler Auslastung durchschnittlich bei 53 GW am Tag und erreicht bei Spitzen durchschnittlich 75 GW. Damit steht selbst ohne Solar und Wind ausreichend steuerbare Leistung zur Verfügung. Außerdem kann jederzeit Strom aus dem europäischen Stromverbund importiert werden, um Spitzen abzufangen. Deutschland hat 2025 rund 6 % seines Verbrauchs importiert. Ausschlaggebend war meist, dass der Strom im Ausland günstiger war, nicht, dass im Inland ein Mangel bestand.

Lassen sich Dunkelflauten vorhersagen?

Die Grundbedingungen für eine Dunkelflaute lassen sich über Wettervorhersagen etwa 10 Tage im Voraus erkennen. Die Prognosen beziehen sich auf die grundlegende Wetterlage mit einem Hochdruckgebiet über Mitteleuropa, das gleichzeitig wenig Wind und wenig Sonneneinstrahlung verursacht.

Der Deutsche Wetterdienst arbeitet mit Partnern aus der Energiewirtschaft an einem Index, der Tage und möglicherweise Wochen im Voraus auf Dunkelflauten-Bedingungen hinweisen soll. Dies soll vor allem Situationen verhindern, in denen sich die Wartungen wichtiger Kraftwerke mit möglichen Dunkelflauten überschneiden. Spezifische Bedingungen wie großflächiger Hochnebel oder Höhentiefs bleiben allerdings schwer vorherzusagen.

Wie beeinflussen Dunkelflauten die Strompreise?

Wind- und lichtschwache Tage können die Börsenstrompreise kurzfristig deutlich erhöhen. Ursache ist das Merit-Order-Prinzip. An der deutschen Strombörse setzt das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung des Strombedarfs eingesetzt wird, den Preis für den gesamten Markt. Der kurzfristige Mangel an günstigem erneuerbarem Strom führt in einer Dunkelflaute dazu, dass teure Gaskraftwerke den Börsenpreis bestimmen.

Dies ist aber nicht dauerhaft. Die Preisspitzen treten in einzelnen Stunden auf, nicht über Wochen und Monate. Ob diese Preisspitzen bei einem Unternehmen ankommen, hängt allerdings vom Beschaffungsmodell ab. Haushalte und Unternehmen mit Festpreisverträgen sind davon nicht direkt betroffen, da die Preise fixiert sind.

Direkt betroffen sind Unternehmen und Verbraucher:innen mit Spotmarkt- oder dynamischen Tarifen, die ihren Strom zu den jeweils aktuellen Tages- bzw. Stundenpreisen einkaufen. Starke Preisanstiege machen sich also direkt bemerkbar. Im Gegensatz dazu profitieren diese Stromkund:innen auch von sehr niedrigen oder sogar negativen Strompreisen. Das passiert zum Beispiel bei einer Hellbrise, dem Gegenteil der Dunkelflaute. Dabei erzeugen viel Sonne und viel Wind Strom im Überfluss. Übersteigt das Angebot bei gleichzeitig geringer Nachfrage den Bedarf und fahren flexible Kraftwerke nicht schnell genug herunter, kann das den Börsenpreis zeitweise ins Negative drücken. 2025 gab es rund 573 Stunden mit negativen Börsenstrompreisen, aber nur etwa 40 Stunden mit Preisen über 300 €/MWh. Damit waren Negativpreisphasen im selben Jahr deutlich häufiger als Preisspitzen.

Wie können sich Unternehmen auf Dunkelflauten vorbereiten?

Für die meisten Unternehmen, praktisch alle außerhalb der energieintensiven Schwerindustrie, sind Dunkelflauten vor allem eine Frage der Beschaffungsstrategie und kein Versorgungsrisiko: Der Strom fließt weiter, doch der Preis schwankt. 

Diese Möglichkeiten haben Unternehmen bei der Beschaffung:

  • Versorgungsverträge mit Festpreisen schaffen stabile Bedingungen. Sie sind die beste Option, wenn Preis- und Planungssicherheit wichtig sind.

  • Dynamische bzw. Spotmarkt-Tarife profitieren bei negativen Preisen, haben aber das Risiko hoher Preisspitzen. Diese Option ist sinnvoll, wenn der Betrieb den Verbrauch bei teuren Marktpreisen vermeiden kann. 

  • Power Purchase Agreements, also langfristige Stromlieferverträge mit Erzeugern, sichern großen Unternehmen mit hohem, planbarem Jahresverbrauch feste Preise über mehrere Jahre. 

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Das können Unternehmen abseits der Beschaffungslogik tun, um sich auf Dunkelflauten vorzubereiten:

Verbrauchsanalyse und Lastmanagement

Lastgangprofile auswerten, damit energieintensive Prozesse bei Bedarf besser gesteuert werden. Unabhängig von einer bevorstehenden Dunkelflaute lassen sich so auch bei RLM-Zählern Lastspitzen glätten. Das kann sich dauerhaft und spürbar positiv auf die Stromkosten auswirken. 

Speicherlösungen und Eigenerzeugung

Batteriespeicher können selbst produzierten Solarstrom oder durch dynamische und Spotmarkt-Tarife eingekauften Strom speichern und bei Bedarf entladen.

 

Notstromversorgung

Ein echter Ausfall ist im Zusammenhang mit einer Dunkelflaute unwahrscheinlich. Sollte es entgegen der Erwartungen dazu kommen, sichert eine eigene Netzersatzanlage kritische Prozesse ab. Wegen der hohen Kosten sollten Aufwand und Nutzen jedoch gut abgewogen werden.

Bevor wichtige Entscheidungen getroffen werden, sollten Unternehmen zuerst drei Punkte klären:

  • Wie ist der aktuelle Stromvertrag ausgelegt (feste oder flexible Preise)?

  • Können energieintensive Prozesse zeitlich verschoben werden?

  • Passt die aktuelle Beschaffungsstrategie zum Verbrauchsprofil, bzw. deckt sie den Bedarf an Planungssicherheit?

Fazit: Entscheidend ist das Beschaffungsmodell

Dunkelflauten stellen eine Herausforderung für das Stromnetz dar. Ein unmittelbares Risiko besteht durch sie nach aktueller Einschätzung aber nicht. Für die meisten Unternehmen ist eine Dunkelflaute daher kein Grund zur Sorge, denn der Strom fließt weiter. Entscheidend ist vielmehr, wie der Strom beschafft wird. Während Festpreisverträge von kurzfristigen Börsenpreisen weitgehend entkoppelt sind, können dynamische Beschaffungsmodelle stärker betroffen sein. Deshalb lohnt es sich, Lastprofile, Flexibilität und Beschaffungsstrategie regelmäßig zu überprüfen.

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