Von Gründung, Corona und der Zukunft der Personalpolitik

Interview mit Micha Pelz

Friseurmeister Micha Pelz ist Friseur mit Leib und Seele. Wenn er gefragt wird, wie er seine Leidenschaft gefunden hat, erwähnt er den Gang mit der Schulklasse ins Jobcenter und den beruflichen Eignungstest. Weder die Vorurteile seiner Altersgenossen gegenüber Männern im Friseurberuf noch der Staub der alten Friseursalons im Osten Berlins konnten ihn von seinem Traum abhalten. Heute ist der gebürtige Berliner Geschäftsführer des Salons Micha Pelz Coiffure. Wir haben mit ihm über die Schwierigkeiten seiner Gründung, die Herausforderung der Corona-Pandemie und über das Umdenken in der Personalpolitik gesprochen.

Michael Pelz

Sie haben drei Jahre lang Standorte gesucht, Businesspläne geschrieben und mit der Bürgschaftsbank Berlin gerangelt – erzählen Sie uns von der Geburtsstunde Ihres Unternehmens.

„Ich wollte hochwertige Friseurdienstleistungen anbieten und war mit dem ersten Ladenkonzept und dem Standort bereits bei der Bürgschaftsbank abgeblitzt: Das wäre alles zu teuer, zu hohe Lohnkosten und so weiter. Wir fanden dann unseren Standort in der Nähe vom Nordbahnhof. Es gab hier ein Sternerestaurant im Hof, Büros mit 500 Mitarbeitern – warum sollte das also nicht funktionieren? Die Beraterin von meiner Hausbank war von Anfang an von meinem Businessplan überzeugt und hielt das alles für machbar. Allerdings hatten wir mit dem Betreuer von der Bürgschaftsbank bereits schlechte Erfahrungen gemacht und siehe da: Er wollte immer noch nicht."

Wie haben Sie es dann doch geschafft?

„Meine Beraterin hat dann vorgefühlt und herausgefunden, dass dieser Betreuer zwei Wochen in den Urlaub geht. Sie sagte: Wir warten jetzt einfach noch drei Tage, bis er weg ist. Wenn die Bürgschaftsbank einen Antrag erhält, muss der innerhalb von drei Tagen angefasst werden – das war unsere Chance für einen neuen Fallbearbeiter. Wir haben es schließlich an einem Freitag eingereicht und am Montagmittag erhielt ich den Anruf meiner Bank, dass sich gleich jemand von der Gründungsbank mit letzten Fragen melden wird. Ein paar Tage später wurde alles genehmigt und ich bekam mein Schreiben, das Geld und los ging es! Es hat eine Woche gedauert vom Antrag bis zum Geld, davor hat es sich monatelang gezogen.“

Wie steht es gerade mit der Friseurbranche?

„Was wirklich ein großes Thema ist für unsere Branche: Wir müssen die Preise weiter erhöhen. Sonst können wir keine Mitarbeiter halten oder gewinnen. Punkt. Wer Lohndumping betreibt, schneidet sich ins eigene Fleisch. Ich denke, 25 Euro sind unterm Strich einfach immer noch zu wenig für einen Haarschnitt. Die Menschen werden preisbewusster und schätzen unsere Arbeit mehr. Trotzdem gibt es noch viele, die gerade an der Dienstleistung sparen wollen. Das funktioniert auf Dauer nicht.“

Wie gut verdienen Friseure denn bei Ihnen?

„Es gibt immer noch schwarze Schafe in der Branche, die das Thema Mindestlohn trickreich umgehen. Ich finde: Das kann nicht sein. Wir zahlen schon in der Ausbildung 10 bis 15 Prozent über Mindestlohn. Wenn ich einen anspruchsvollen Salon mit anspruchsvollen Kunden habe, müssen meine Mitarbeiter sich auch entsprechend anziehen können und in der Lage sein, in Restaurants zu gehen, in denen die Kunden zugange sind. Wie sollen sie denn meine Zielgruppe bedienen, wenn sie gar nichts mit ihr zu tun haben?“

Welche finanziellen Anreize bieten Sie Beschäftigten noch?

Ich biete ein Provisionsmodell, das wir mithilfe unseres Kooperationspartner La Biosthetique Paris erstellt haben. Jeder wird an seinem Umsatz der verkauften Pflegeprodukte beteiligt. Aber Finanzen sind irgendwann endlich, da stellt sich dann die Frage, was ich darüber hinaus meinen Arbeitnehmern bieten kann.

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Was können Sie Ihren Arbeitnehmern denn außer Geld bieten?

Flexibilität & Teilzeitarbeit

„Erstes Thema ist hier die Flexibilität. Ich grüble schon lange über flexible Arbeitszeitmodelle nach, weil das als Dienstleister oftmals auch echt schwierig ist: Was machst du, wenn die Kunden kommen, aber gerade niemand da ist?

Zur Flexibilität gehört aber auch Teilzeit. Wir haben besonders viele Frauen im Friseurberuf. Viele von ihnen wollen später Kinder haben. Das heißt, wir brauchen gute Bezahlung trotz Teilzeit. Insgesamt wollen Arbeitnehmer mehr Freizeit haben. Als Unternehmer kann ich es mir nicht leisten, das zu ignorieren.

 

Schulungen

Dann finde ich Schulungen wahnsinnig wichtig, denn daran erkennt man auch, wer es wirklich ernst meint mit dem Beruf. Viele Leute wollen gerne geschult werden, wollen weiterkommen und dafür sollten Unternehmer auch die Kosten tragen.

Alternative Entlastungen

Drittens gibt es neben mehr Geld auch steuerfreie Zuwendungen. Ich kann ein Firmenfahrrad, zum Beispiel ein E-Bike, zur Verfügung stellen, einen Kita-Gutschein geben, Weiterbildungen übernehmen oder ein Ticket für den Nahverkehr bezahlen. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man als Unternehmer unterstützen kann, ohne dass immer gleich die Hälfte als Steuer abgezogen wird.“

Wie akquirieren Sie neue Fachkräfte?

„Das A und O in meinen Augen: Wir müssen die Jugend wieder dazu bringen, eine Berufsausbildung zu machen. Das Handwerk hat aber einen schlechten Ruf, vor allem wegen veralteter Lehrmethoden – deshalb studieren viele. In Zusammenarbeit mit La Biosthetique bieten wir deshalb die Zusatzausbildung Hair- und Beauty-Artist an: Das ist eine Zusatzqualifikation, die während und nach der Ausbildung. Ich zahle 600 Euro im Jahr. Dafür erhalte ich Zugriff auf ein Jobbörse für Azubis, Quereinsteiger und Fachkräften aus der Branche. Für mich und die Angestellten ist das also ein absoluter Mehrwert.“

Wo liegt die Zukunft im Recruiting?

„Unternehmen sollten neue Wege bei der Personalsuche gehen: Einfach mal über Facebook, Instagram einen Post raushauen und die Mitarbeiter dafür auch einbinden.

Die Zukunft liegt meiner Meinung nach bei Videos und Imagefilmen. Egal, wie großartig man seine Unterlagen gestaltet, am Ende gleichen sich die Lebensläufe. Ich denke, es wird in ein paar Jahren so sein, dass jeder einen Film von sich produziert und sich damit bewirbt. Und das gilt auch für Unternehmen: Die meisten Bewerber wissen gar nicht, worauf sie sich einlassen, bis sie zum Gespräch eingeladen werden. Mit ehrlichen Videos kann man da Aufklärung schaffen.

Letztes Thema beim Recruiting ist für mich künstliche Intelligenz: Wir wissen doch im Prinzip alles und können jeden zielgenau erreichen. Warum nutzen wir denn nicht mal die KI für unsere Zwecke und schalten zielgruppengenaue Videokampagnen, um Bewerber anzusprechen? Es gibt da entsprechende Anbieter und ich habe mir fest vorgenommen, das in nächster Zeit auch anzugehen.“

 

 

 

 

 

 

„Ich finde es echt peinlich, dass wir überhaupt über Mindestlohn reden müssen.“

Micha Pelz

Micha Pelz Coiffure

Was waren die größten Herausforderungen in der Corona-Krise?

„Psychisch belastend waren vor allem die drei Wochen vor dem Lockdown. Es war eine seltsame Stimmung: Erst ging es damit los, dass die Leute im Homeoffice waren, dann wurden die Züge und Bahnen immer leerer und schließlich wurden Termine abgesagt. Wir waren nur noch am Telefon, um Termine umzulegen. Die Belegschaft saß die ganze Zeit vor ihren Smartphones und erhielt alle zehn Minuten neue Schreckensmeldungen. Ich wusste ganz ehrlich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Außerdem war ich besonders in der Verantwortung: Was mache ich, wenn ein Mitarbeiter hustet oder Symptome zeigt?“

Und als dann der Lockdown kam?

„Komischerweise war der erste Tag, an dem ich wieder durchatmen konnte, der Tag des Lockdowns. Jetzt saßen alle zuhause und die Gewissheit, dass ich jetzt einfach nichts machen kann, war beruhigend. Die Corona-Soforthilfe kam, das hat auf jeden Fall geholfen und natürlich auch die Kurzarbeit für die Mitarbeiter, das war eine echte Unterstützung.“

Was würden Sie konkret anders machen bei der nächsten Welle?

„Wenn ich in Maßnahmen investiere, die über das bestehende Hygienekonzept hinaus gehen, möchte ich wissen, welche konkreten Vorteile ich habe: Müssen die Kunden dann keine Masken mehr tragen? Bin ich vom nächsten Lockdown ausgenommen, wenn ich nachweisen kann, dass ich konkrete Maßnahmen ergreife? Wir brauchen da schnell eine Lösung, denn der Winter kommt. Es gibt zwei Dinge, die ich mir da gerade verstärkt anschaue.

Schnelltests

In Amerika oder in England gibt es jetzt wohl Schnelltests, mit denen man innerhalb einer Minute weiß, was Sache ist. Die kosten etwa fünf Euro. Mit solchen Tests würde ich mich und meine Mitarbeiter jede Woche einmal überprüfen.

Luftfilter

Viele Büros und Industriezweige nutzen bereits Luftfilter, welche die Luft zu 99,9 Prozent rein machen – auch von Keimen und Viren. Das System ist später im Sommer auch gegen Staub und Partikel wirksam. Ich spiele mit dem Gedanken einen mobilen Luftfilter anzuschaffen. Die Kosten belaufen sich aber auf etwa 4.500 Euro."

„Corona ist bald vorbei, das Thema Umwelt finde ich spannender.“

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