Lebensmittel aus Überschussstrom: Das Erfolgsmodell der PUEVIT GmbH
In Dresden entwickelt und produziert die PUEVIT GmbH Anlagen für die industrielle Algenproduktion. Gleichzeitig liefert sie mit ihrer Franchise-Marke ALGENWERK ein Konzept für die Skalierbarkeit der Produktion und ein praktisch erprobtes und standardisiertes Franchise-Modell für ihre Hauptzielgruppe: Landwirte. So entsteht ein Geschäftsmodell, das ungenutzte Flächen in landwirtschaftlichen Betrieben in Lebensmittelproduktion verwandelt und Strom dann nutzt, wenn er günstig verfügbar ist.

Zuletzt aktualisiert am: 17.9.2026
Lesezeit: 9 Minuten
Zukunftsrohstoff Alge
Gründer Gunnar Mühlstädt sieht in Mikroalgen die effizientesten Organismen unseres Planeten. Er sieht in ihnen zudem einen breit einsetzbaren Ersatz für erdölbasierte oder ressourcenintensive Rohstoffe, von Lebensmitteln über Kosmetik bis hin zu Kraftstoffen. Warum Mühlstädt seinen sicheren Beruf im Konzern dafür aufgab, erzählt er im Interview. Die Vision der PUEVIT GmbH ist dementsprechend klar: Mit ihrer Marke ALGENWERK die Alge aus der Nische der wissenschaftlichen Vision in die industrielle Anwendbarkeit überführen.

Superfood mit EU-weiter Zulassung
ALGENWERK setzt aktuell auf die bereits etablierte und EU-weit zugelassene Spirulina-Alge. Im Gegensatz zu den meisten auf dem Markt erhältlichen Trockenpulvern ist die frische Biomasse von ALGENWERK geschmacksneutral und enthält viele Proteine, Vitamine, essenzielle Aminosäuren sowie verschiedene nützliche Sekundärstoffe.
Weniger Fett und Zusatzstoffe
Für Lebensmittel bietet das viele Vorteile: Proteine und Vitamine lassen sich ohne Beeinträchtigung des Geschmacks zu süßen und herzhaften Nahrungsmitteln hinzufügen. Die Alge dient dank ihrer besonderen Eigenschaften weiterhin als natürlicher Emulgator, Stabilisator und Verdickungsmittel. Damit lassen sich Zusatzstoffe wie E471, E412 oder E440 ersetzen und tierische Fette und Zucker teilweise reduzieren. Ein Kunde von ALGENWERK nutzt die geschmacksneutrale Textur von Spirulina beispielsweise, um ein veganes Eis zu produzieren. Dieses kommt vollständig ohne tierische Milch und mit deutlich weniger Zucker aus.
Die Algenproduktion ist sehr ressourceneffizient. Sie braucht frisches Wasser, einen Abwasseranschluss, Strom und eine einfache Halle. Fruchtbarer Boden ist nicht notwendig. In den Photobioreaktoren werden die Rohre vertikal übereinander angeordnet und nutzen den Raum effizienter als Ackerpflanzen: Pro Quadratmeter kann so ein Vielfaches an Protein erzeugt werden. Dazu sind die Algen schnell wachsend und können alle drei bis vier Tage geerntet werden. Die fertige Biomasse wird über ein feines Sieb vom Wasser getrennt und ist danach ohne weitere Behandlung ein fertiges Produkt.
Wie viele bzw. wie wenige Ressourcen dabei verbraucht werden, hat das Unternehmen messen lassen. Gemeinsam mit dem Institut UNU-FLORES der Universität der Vereinten Nationen in Dresden entstand eine vollständige Lebenszyklusanalyse nach ISO 14040 und ISO 14044. Sie bilanziert alle Umweltwirkungen vom Bau der Anlage bis zum fertigen Produkt. Nach eigenen Angaben ist PUEVIT der erste Algenproduzent mit einer solchen Analyse. Der praktische Nutzen: Franchisepartner und Abnehmer der Biomasse erhalten belastbare Werte für CO2-, Wasser- und Flächenverbrauch pro Kilogramm und können diese in ihre eigene Bilanzierung übernehmen.
Zuletzt folgt auch der Wasserverbrauch einer Kreislauflogik: Prozesswasser wird intern zurück in die Anlagen geführt. Abwasser, das nicht weiterverwendet werden kann, wird an ein Start-up weitergegeben, das daraus einen Biostimulant für die Landwirtschaft entwickelt: Das sind Pflanzenstärkungsmittel, die den Einsatz von chemischen Pestiziden und Fungiziden reduzieren. Außer dem an die Luft abgegebenen Sauerstoff bleiben praktisch keine Reststoffe zurück.
Das weichmacherfreie Rohrsystem, das von der Georg Fischer AG lizenziert wird, ermöglicht den platzsparenden Aufbau der Anlage. Aber es ist nur ein Teil des technologischen Gesamtpakets von ALGENWERK. Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal liegt in der Prozessführung. Über Jahre hat das Unternehmen alle Daten gesammelt und neuronale Netze trainiert für ein KI-gestütztes Wachstumsmodell, welches das Verhalten der Alge unter wechselnden Bedingungen simuliert und die Anlagenparameter in Echtzeit steuert.
Jeder Photobioreaktor ist mit einer IoT-Sensorik ausgestattet, die Lichtintensität, Temperatur, Nährstoffkonzentration, pH-Wert und Biomassedichte kontinuierlich misst. Die Daten fließen in die Plattform algae.cloud ein. Auf dieser Basis kann vorhergesagt werden, wie sich die Biomasseproduktion unter verschiedenen Licht-, Nährstoff- oder Temperaturbedingungen entwickelt. Die Anlage kann so auch gezielt gesteuert werden: Das ermöglicht konstante Qualität, Kontrolle von Wachstums- und Erntezeiten und auch die flexible Steuerung der Energieversorgung abhängig von der Verfügbarkeit von günstigem Strom.

Licht ist der wesentliche Rohstoff der Algenproduktion. Die kleinste wirtschaftlich sinnvolle Anlage verbraucht rund 500.000 bis 600.000 kWh im Jahr, das meiste davon für die LED-Beleuchtung. Sie besteht aus fünf Modulen mit zusammen 30 Kubikmetern Kulturvolumen, inklusive Peripherie. Jedes Modul hat die Maße eines 20-Fuß-Seecontainers und liefert alle drei Tage rund 60 Kilogramm frische Biomasse, die Anlage also etwa 100 Kilogramm pro Tag. Über die Zahl der Module lässt sie sich an den Bedarf und an die vorhandene Energie eines Betriebs anpassen.
Netzdienlicher Verbraucher und Energiemanagement
Der hohe Stromanteil ist der Hebel des Geschäftsmodells. Algen kennen aus ihrem natürlichen Umfeld Tag-Nacht-Wechsel und Bewölkung. Ihr Wachstum leidet also nicht, wenn die Beleuchtung zeitweise heller oder dunkler ausfällt. So wird aus einem starren Verbraucher ein netzdienlicher, der seinen Bedarf an das Stromangebot im Netz anpassen kann. Das eigene Energiemanagementsystem erfasst bereits alle Verbrauchsdaten. Mit einem intelligenten Messsystem, also einem digitalen Zähler mit Smart-Meter-Gateway, lässt sich die Anlage zukünftig steuern. In Verbindung mit einem flexiblen Stromtarif kann sie dann anhand des aktuellen Strompreises dimmen oder aufhellen, abhängig vom Preis an der Börse.

Gut zu wissen: Bei einem hohen Anteil erneuerbarer Energien im Netz kommt es zu Phasen, in denen viel Wind- und Solarstrom gleichzeitig vorhanden ist. Dieses Überangebot drückt den Preis an der Strombörse nach unten, teilweise sogar in den negativen Bereich. Das bedeutet, dass Erzeuger für die Einspeisung ihres Stroms zahlen, statt Geld zu erhalten. Flexible Stromtarife orientieren sich direkt am Börsenpreis und passen die Kosten für den Verbrauch stunden- oder viertelstundenweise an. Wer seinen Stromverbrauch in die günstigen Phasen verlagert, kann so Kosten senken.
Sichere Energieversorgung
PUEVIT bezieht derzeit Strom von Vattenfall, der vertraglich zu 100 % aus erneuerbaren Energien stammt. Gewählt wurde ein Tarif mit fester Preisbindung über zwei Jahre, denn Strom ist der größte variable Kostenblock und die Kalkulation muss belastbar sein. Parallel entsteht für den Standort Dresden ein Energiekonzept mit eigener Solaranlage, Batteriespeicher und perspektivisch flexiblem Stromtarif. Heizen muss das Unternehmen kaum: Die LED-Beleuchtung hält die Algen im gut gedämmten Gebäude im Sommer auf rund 33 Grad.
Franchise-Partnern empfiehlt ALGENWERK Vattenfall als Versorger: wegen der Skalierbarkeit über mehrere Standorte und der zuverlässigen Versorgung. Den Vertrag schließt jeder Betrieb selbst ab.
Ökostrom aus 100 % erneuerbaren Energien
- Unterstützt bei Reduzierung von betrieblichen CO2-Emissionen
- Planungssicherheit durch Energiepreisgarantien
- Erfüllt Nachweisanforderungen von Kunden und Geschäftspartnern
Franchise-Modell: Landwirte als strategische Partner
Statt jedes Werk selbst zu bauen, adressiert PUEVIT mit dem Franchise gezielt Landwirte, die regenerative Energie aus Solar, Wind oder Biogas gewinnen. Diese Betriebe bringen genau das mit, was eine Algenanlage braucht und haben selbst viele Vorteile davon:
Zusätzliche Wertschöpfung ohne Ackerland-Konkurrenz: Photobioreaktoren sind vertikal aufgebaut und brauchen keine fruchtbare Erde. Sie lassen sich auf bestehenden Betriebsflächen, in Hallen oder auf versiegelten Bereichen aufstellen. Der Betrieb verliert kein Ackerland und diversifiziert sein Geschäftsmodell.
Verwertung eigener Energieüberschüsse: PV-Strom vom Hofdach, Biogas aus der eigenen Fermentation oder Wind aus Beteiligungen lassen sich häufig nicht vollständig ins Netz einspeisen. Genau diese Überschüsse haben in einer Algenanlage direkte Verwendung. Aus dem Regelproblem wird eine Einnahmequelle.
Diversifikation weg von reinen Agrar-Marktrisiken: Erntejahre, Weltmarktpreise, Trockenperioden: Der klassische Betrieb ist volatil. Ein zweites Standbein in einem wachsenden Premium-Rohstoffmarkt reduziert diese Abhängigkeit.
Rückkopplung mit dem eigenen Betrieb: Das Prozesswasser muss nicht entsorgt werden, sondern kann als Biostimulant für die eigenen Pflanzen genutzt oder weitergegeben werden.
Einstieg mit geringem technologischem Risiko: Hardware, Prozesssteuerung, Qualitätsmanagement und Abnahme sind durch ALGENWERK gesichert. Der Franchise-Nehmer betreibt die Anlage, muss aber kein eigenes Verfahrenswissen aufbauen.
Vermarktung gesichert: Die PUEVIT GmbH bündelt die Biomasse aus dem Franchise-Netz, betreut die industriellen Abnehmer und verkauft unter der Marke ALGENWERK. Der Franchise-Partner konzentriert sich auf den Betrieb der Anlage vor Ort, zum Beispiel auf Ernte und laufende Kontrolle.
Für die Lebensmittelindustrie sind Produktqualität und Versorgungssicherheit sehr wichtig. Beides adressiert die PUEVIT GmbH gezielt: Die frische Biomasse ist fünf Wochen haltbar. Das dezentrale Franchise-Netz sorgt für kurze Lieferwege und verteilt das Ausfallrisiko in der Belieferung. Schon kleinere Anlagen können bis zu 30 Tonnen im Jahr liefern und lassen sich jederzeit modular erweitern.
Einheitliche Standards speziell für frische Mikroalgen gibt es bisher kaum. Als Referenz nutzt PUEVIT deshalb die Verordnung (EG) 2073/2005, das europäische Regelwerk für mikrobiologische Kriterien bei Lebensmitteln. Die Produktion ist nach HACCP zertifiziert, dem international etablierten Verfahren zur vorbeugenden Lebensmittelsicherheit, sowie nach ISO 9001, der Norm für Qualitätsmanagementsysteme. Nach eigenen Angaben bereitet das Unternehmen als erster Algenproduzent zusätzlich die Global G.A.P.-Zertifizierung für gute landwirtschaftliche Praxis vor.

Fazit: Algentanks als Geschäftsmodell und Zukunftstechnologie
Die PUEVIT GmbH produziert Spirulina in eigenen Anlagen. Für die Lebensmittelindustrie entsteht dabei ein verlässlich verfügbarer Rohstoff. Mit den Algen lassen sich Zusatzstoffe, Fett und Zucker in Rezepturen reduzieren. Zusätzlich skaliert das Unternehmen seine Produktion über die Franchise-Marke ALGENWERK. Landwirte erhalten die Anlage, Prozesssteuerung und Vermarktung aus einer Hand. Die Anlagen können aufgrund ihres vertikalen Aufbaus platzsparend bei Franchise-Partnern, z. B. in ungenutzten Hallen oder Lagerflächen installiert werden. Der entscheidende Faktor für die Skalierung ist die Energie. Eine Anlage kann produzieren, wenn Strom günstig im Netz verfügbar ist, zum Beispiel durch eine Überproduktion bei erneuerbaren Energien – oder, wenn der Strom vom eigenen Dach kommt. Zudem reagieren die Anlagen flexibel auf Netzengpässe, da die Algen auch bei schwankenden Lichtbedingungen wachsen.
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